Kommaregeln PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Jürgen Langhammer   
Freitag, den 03. September 2010 um 15:25 Uhr

Die Mühsal der Kommasetzung

Die Kommaregeln
des Deutschen

„Der Kommandant wandte ihr, bei ihrem Anblick, den Rücken zu, und eilte in sein Schlafgemach.“ (Heinrich von Kleist, Die Marquise von O...)

Nanu, da stimmt doch etwas nicht. Stimmt! Da stimmt etwas nicht! Was sind denn das für Kommas? Die gehören hier doch gar nicht hin!

„Aber alles was er tat anfasste aussprach, wurde ernst bedeutsam und monumental.“ (Günter Grass, Katz und Maus)

Und hier? Wo sind denn hier die Kommas, die hier hingehören? Der Duden verlangt doch ein Komma „bei Aufzählungen, zwischen gleichrangigen Wörtern und Wortgruppen, wenn sie nicht durch Wörter wie ‚und’ oder ‚oder’ verbunden sind“ (Duden, Die deutsche Rechtschreibung, Band 1, 24. Auflage, S. 72).

Falsche Kommasetzung bei einem Klassiker wie Kleist und bei einem Literaturnobelpreisträger wie Grass? In der Literatur finden wir sie immer wieder: Verstöße gegen die Regeln der Zeichensetzung. Wo Kleist zu viele setzt, lässt Grass sie weg. Aber ein Dichter ist frei. Was kümmern ihn Regeln, was schert ihn der Duden. Er darf mit Sprache ungezwungener umgehen als der gewöhnliche Schreiber; er muss sich nicht an Regeln halten, die für andere gelten. Kleist setzt seine Kommas nach inhaltlichen, nach rhythmischen, nach stilistischen Kriterien, nach dem Duden – den es damals ja auch noch gar nicht gab – fragt er nicht. Die gleichen Gründe bewegen Grass, von Fall zu Fall auf sie zu verzichten. In literarischen Werken wird immer wieder bewusst von den Regeln der Zeichensetzung abgewichen. Es geschieht nicht aus Unwissenheit oder aus Unkenntnis dieser Regeln, sondern stets aus einer bestimmten Absicht heraus und mit einer bestimmten Funktion im Zusammenhang mit der Aussage und der Wirkung des Textes.

Im „normalen“ und alltäglichen Schriftverkehr gilt aber auch für den Dichter alles das, was wir die „Regeln der Zeichensetzung“ nennen. Beliebt sind sie nicht, diese Regeln, sinnvoll und notwendig aber schon. Wenn die Kommas korrekt gesetzt sind, gliedern sie einen Satz, erleichtern sie das schnelle und sinnentnehmende Lesen, ja geben sie einem Satz mitunter erst den rechten Sinn:

„Mama sieht wie Papa den Abwasch macht und lacht.“

Wer lacht denn hier nun eigentlich? Ist es Mama, die darüber lacht, wie sich Papa beim Abwasch anstellt („Mama sieht, wie Papa den Abwasch macht, und lacht.“)? Oder ist es Papa, der lacht, weil ihm der Abwasch so viel Spaß macht („Mama sieht, wie Papa den Abwasch macht und lacht.“)?

Dass ein Komma mitunter sogar lebensrettend sein kann, zeigt der Unterschied zwischen diesen Sätzen:
„Und zum Abendessen grille ich, Oma!“
„Und zum Abendessen grille ich Oma!“

Schlimm sind fehlende Kommas, nicht weniger schlimm zu viele. Wie aber setzt man die richtige Zahl – und dann noch an der richtigen Stelle?

Leider ist es so, dass die meisten Schreiber ihre Kommas nicht nach Regeln, sondern nach Gefühl setzen. Und leider ist es so, dass wir unserem Gefühl allzu oft nicht trauen können. Gefühle trügen, und „gefühlte Kommas“ sind oft falsch. In seinem Bestseller „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ widmet Bastian Sick diesem „gefühlten Komma“ eine ganz Kolumne. Darin findet sich der folgende karikierende Erklärungsversuch für manch absurde Kommasetzung:

„Außerhalb der Sommermonate, ist das Café nur bis 16 Uhr geöffnet“, steht auf einem Schild an einem Ausflugslokal am See. Es ist nicht schwer, sich auszumalen, wie so ein Schild entsteht. Der Erwin malt es und ruft dann seine Roswita „zum Gucken“. Roswita kommt und guckt, und weil sie meint, dass sie irgendetwas dazu sagen müsse, sagt sie: „Da fehlt noch was.“ – „Watt denn?“, fragt Erwin. „Weiß nich. Aber irgendwas fehlt, das spür ich genau.“ – „Also, der Strich über Café kann’s nicht sein, der ist da, wie du siehst.“ – „Nee, das mein ich auch nich. Irgendwas anderes. Ein Komma oder so.“ – „Ein Komma? Wo denn?“ – „Da wo die Stimme beim Lesen hochgeht, da muss ein Komma hin.“ Erwin liest den Text des Schildes noch einmal laut vor, allerdings ohne die Stimme an irgendeiner Stelle anzuheben. „Du liest das falsch“, sagt Roswita. „Außerhalb der Sommermo-na-tee...“ Sie zieht das e in die Länge wie ein Gummiband und hebt die Stimme, als wollte sie singen. Dann macht sie eine bedeutungsvolle Pause und sieht Erwin an. „Hier, meinst du?“, fragt er. Roswita nickt. Also nimmt Erwin den Stift und malt ein Komma hinter die Sommermonate. Doch wir ahnen es längst: Mit ihrem Gefühl lag Roswita falsch. (Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2, S. 50/51)

Zurecht weist Sick darauf hin, dass ein Komma nicht eine musikalische, sondern eine syntaktische Funktion hat. Und die richtet sich eben nicht nach dem Gefühl des Schreibers, sondern nach Regeln – die übrigens gar nicht so unüberschaubar sind, wie mancher glaubt (oder fühlt). Wenn man die wichtigsten kennt, dann sollte man kein Problem haben, den größten Teil der Kommas korrekt über seine Sätze zu verteilen.

Einen Überblick über die wichtigsten Kommaregeln des Deutschen gibt es hier:

Die Kommaregeln des Deutschen

Wenn Kleist sie beherzigt hätte, dann hätte er kommalos geschrieben: „Der Kommandant wandte ihr bei ihrem Anblick den Rücken zu und eilte in sein Schlafgemach.“ Bei Grass dagegen stünde: „Aber alles, was er tat, anfasste, aussprach, wurde ernst, bedeutsam und monumental.“

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 06. September 2010 um 20:20 Uhr