Traditionell war dieser Unterricht Ersatzfach für die Minderheit der konfessionslosen Schüler, die nicht am konfessionellen Religionsuntericht teilnehmen. Seit der Wende ist die Gruppe der Konfessionslosen allerdings keine Minderheit mehr. Noch ein zweites hat sich verändert:
Die Schule der Zukunft ist die multireligiöse Schule. Wenn die bundesrepublikanische Gesellschaft für andere Kulturen und Religionen sich öffnen wird (und muss), ist es erforderlich, dass einerseits die grundlegenden Konzepte von Judentum, Christentum, Islam sowie Buddhismus und Hinduismus von allen verstanden werden (die Aufgabe der Religionswissenschaft) und dass andererseits eine rationale Verständigung in dieser Gesellschaft über Werte erfolgt (die Aufgabe der Wissenschaft der Ethik). Dies leistet natürlich auch der konfessionelle Religionsunterricht, allerdings vom christlichen Standpunkt aus.
Von Schülern muslimischen Glaubens und von Migrantenkindern (wie z.B. Indern) kann nicht erwartet werden, dass sie akzeptieren, dass ihnen die Grundlagen der Weltreligionen und der Ethik innerhalb des christlichen Religionsunterrichts vermittelt werden. Es bedarf aber eines verpflichtenden gemeinsamen Nachdenkens über Werte, wenn nicht im Religions-, dann im Werte&Normen - Unterricht, weil dies die gleichberechtigte Vielfalt der Kulturen und Religionen überhaupt erst ermöglicht. Dabei ist es notwendig, in beiden Fächern Werte auch rational zu begründen.
Die Lehrkräfte im Fach Werte & Normen bringen auf der Grundlage der im Grundgesetz verankerten Wertvorstellungen unterschiedliche Weltanschauungen und Wahrheitsauffassungen im Sinne einer prinzipiellen Pluralität in den Unterricht ein, d.h. die Lehrkräfte halten sich in der Wahrheitsfrage zurück bzw. wahren eine gewisse Neutralität.
Ein besonderer Stellenwert kommt den Grund- und Menschenrechten und den Prinzipien des demokratischen und sozialen Rechtsstaates zu. Dem Menschenbild der Aufklärung verpflichtet, wurzeln diese rechtlichen Bestimmungen in der Überzeugung, dass der Mensch eine spezifische Würde besitzt, d. h. einen unverfügbaren, nicht im Namen anderer Prinzipien zu relativierenden Eigenwert.
Das Unterrichtsfach Werte und Normen leistet einen gewichtigen Beitrag, um den Ansprüchen gerecht zu werden, die der § 2 des Niedersächsischen Schulgesetzes formuliert. Dem dort verankerten Ziel, „(...) die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen“ weiterzuentwickeln, will das Fach Werte und Normen in besonderem Maße Rechnung tragen.
Wichtig dafür wäre, die Ausbildung von Lehrkräften für das Fach Werte und Normen zu verstärken, damit er erteilt wird von in der Sache kompetenten und wissenschaftlich gebildeten Lehrern.
Die seit zehn Jahren an der Herderschule aktive Schülergruppe von amnesty internationel (siehe unter : Arbeitsgemeinschaften) wird offiziell dem Fach Werte und Normen zugeordnet. Die Tatsache, dass sie von einem Religionslehrer gegründet wurde und bis heute geleitet wird, zeigt, dass das praktische Engagement für eine menschenfreundlichere Welt meistens eben doch etwas mit Glauben zu tun hat.
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 09. September 2011 um 10:35 Uhr
Warum Niedersachsen Lehrkräfte für das Fach Werte und Normen ausbilden sollte
Geschrieben von: Haus
Montag, den 27. Oktober 2008 um 18:17 Uhr
Das Fach Werte und Normen ist das Ersatzfach für die Schüler, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen. Es wird meistens erteilt von Lehrkräften, die Deutsch oder ein Fach aus dem Aufgabenfeld B (Geschichte, Politik, Erdkunde) unterrichten. Wenn sich keine Lehrkräfte finden, die das Fach unterrichten mögen, kann der Schulleiter die Lehrkraft mit der Erteilung des Unterrichts beauftragen, die er dafür geeignet hält. Eine universitäre Ausbildung für das Fach Werte und Normen gibt es noch nicht lange in Niedersachsen. Seit dem Wintersemester 2003/04 kann sie in einem eigenen Studiengang an der Universität Oldenburg begonnen werden. Die fächerübergreifende Ausbildung unter Federführung des Instituts für Philosophie nimmt Inhalte aus den Gesellschaftswissenschaften und der Religionswissenschaft auf und stützt sich auf das, was traditionell Praktische Philosophie oder Moralphilosophie genannt wird. Nachfolgend einige vom Leiter des Instituts, Prof. Dr. Ulrich Ruschig formulierte Thesen:
Warum und wozu die Ausbildung zu “Werte und Normen”-Lehrern ?
Gegenwärtig weist der Schulunterricht im Fach “Werte und Normen” gravierende Mängel auf - am schwersten wiegt: Der Unterricht wird in der Regel durch Fachfremde, nämlich durch Religionslehrer, Deutschlehrer u.s.w., erteilt; es fehlen im Fach ausgebildete Lehrer.
Traditionell war mit der (christlichen) Religion (und eben auch mit dem Religionsunterricht in der Schule) die Ausbildung dessen, was Moralität genannt wird, verknüpft. Wird nun, was gegenwärtig zu beobachten ist, die Religion gesellschaftlich geschwächt, und zwar sowohl theoretisch als auch im Alltag, so scheint damit - quasi uno actu - die Moralität mitbetroffen. Angesichts zunehmender Gewalt in der Gesellschaft (und eben auch in der Schule) ist es verfehlt, ‘Wert’-Fragen dem gesunden Menschenverstand bzw. der Politik zu überlassen und die ‘nachmetaphysische’ Ohnmacht gegenüber ‘Wert’-Fragen in religiösen Ritualen zu verklären. Gegensteuern vermag hier ein Schulunterricht in “Werten und Normen”, erteilt von in der Sache kompetenten und wissenschaftlich gebildeten Lehrern.
Die Schule der Zukunft ist die multireligiöse Schule. Angesichts eines möglichen Auseinanderfallens in gegenseitig sich abschottende Religionsgemeinschaften bedarf es eines allgemeinen und insoweit einheitlichen und verpflichtenden Nachdenkens über Werte, was die gleichberechtigte Vielfalt der Kulturen und Religionen überhaupt erst ermöglicht. Deswegen ist die rationale Begründung von Werten notwendig. Von Schülern muslimischen Glaubens und von Ausländerkindern (wie z. B. Indern) kann nicht erwartet werden, dass sie akzeptieren, dass die Grundlagen der Ethik innerhalb des christlichen Religionsunterrichts vermittelt werden.
“Werte und Normen” ist ein Zukunftsfach. Wenn die bundesrepublikanische Gesellschaft für andere Kulturen und Religionen sich öffnen wird (und muss), ist es erforderlich, dass einerseits die grundlegenden Konzepte von Judentum, Christentum, Islam sowie Buddhismus und Hinduismus von allen verstanden werden (die Aufgabe der Religionswissenschaft) und dass andererseits eine rationale Verständigung in dieser Gesellschaft über Werte erfolgt (die Aufgabe der Wissenschaft der Ethik). Nur über die Reflexion der Geschichte der Ethik, über Begriffe wie Freiheit, Individuum und Moral und nur über das Begreifen der Deutungszusammenhänge von religiösen Systemen von deren eigenen Voraussetzungen her wird eine solche Verständigung möglich. Nichtstun, fachfremdes Unterrichten oder ‘Ethik aus dem Bauch heraus’ dagegen befördern bloß dasjenige, was als ‘Abbruch der Kultur’ zunehmend beklagt wird. Wodurch zeichnet sich das Studium für die Ausbildung zu “Werte und Normen”-Lehrern aus?
Bildung und Ausbildung im Fach “Werte und Normen” orientieren sich an folgenden übergeordneten Zielen:
Reflexion der Grundlagen von Moral und Recht,
Reflexion der Grundlagen dessen, was geglaubt wird (Religion), und dessen, was man hoffen darf (Vernunftglaube),
Reflexion des Verhältnisses von Gesellschaft und “Werten und Normen”.
Aufgrund dieser Bildungsziele stützt sich das Studium einerseits auf das, was traditionell Praktische Philosophie oder Moralphilosophie ist, und andererseits auf grundlegende Inhalte der Religionswissenschaft.
Prof. Dr. Ulrich Ruschig , Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg, den 30.4.2006